Therapeutische Krebsimpfungen
Neue Perspektiven für die Immuntherapie – im Interview: Prof. Dr. Sascha Dietrich, Düsseldorf
Prof. Dietrich, warum haben Sie sich für die Onkologie entschieden, und was fasziniert sie an dem Fachgebiet?
Eine familiäre Erfahrung hat meine Berufswahl maßgeblich geprägt. Sie hat mich dazu bewogen, Medizin zu studieren und mich später auf die Hämatologie und Onkologie zu spezialisieren. Ursprünglich hätte ich mir sehr gut vorstellen können, Physik zu studieren. Die Onkologie ist jedoch ein Fachgebiet, das diese naturwissenschaftliche Neugier in besonderer Weise aufgreift. Sie bietet die Möglichkeit, wissenschaftliche Ambitionen mit der klinischen Versorgung komplex erkrankter Patientinnen und Patienten zu verbinden, eine Kombination, die mich bis heute besonders fasziniert und motiviert.
Nach Ihrer Facharztausbildung haben Sie eine Postdoc Ausbildung in Bioinformatik absolviert. Inwieweit kommt das Ihrer Forschung zugute?
In der modernen Medizin fallen sowohl im klinischen Alltag als auch im Labor zunehmend hochdimensionale Datensätze an. Damit geht einher, dass Ärztinnen und Ärzte sich zwangsläufig mit statistischen Methoden sowie informationstechnisch gestützten Analyseverfahren auseinandersetzen müssen. Hier kam mir meine langjährige Neugier und Begeisterung für Mathematik entgegen, die mich dazu bewogen hat, in diesem Bereich eine gezielte Zusatzqualifikation zu erwerben. Hinzu kam, dass ich im Labor selbst umfangreiche Datensätze erhoben hatte und deren Interpretation und Auswertung bewusst nicht delegieren wollte. Vielmehr war es mir ein Anliegen, die Daten im biologischen Kontext eigenständig zu analysieren und zu verstehen. Vor diesem Hintergrund begab ich mich in ein interdisziplinäres Umfeld am EMBL in Heidelberg aus Mathematikern, theoretischen Physikern und Informatikern, um eine Brücke zwischen diesen Disziplinen und der Onkologie zu schlagen. Dieser Schritt stellte den Ausgangspunkt meiner wissenschaftlichen Laufbahn dar.
Sie sind sowohl in der Patient*innenversorgung als auch in der Forschung aktiv. Wie gelingt es Ihnen und Ihrem Team, Erkenntnisse aus der Forschung in konkrete klinische Anwendungen zu überführen? Welche Herausforderungen sehen Sie dabei?
Ich hatte das Privileg, meine Facharztausbildung in einem Umfeld zu absolvieren, in dem durch die Nähe zum Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) ein kontinuierlicher Austausch zwischen Labor, klinischer Forschung und Patient*innenversorgung gelebt wurde. In diesem interdisziplinären Kontext konnte ich aktiv dazu beitragen, die Brücke zwischen Forschung und Klinik weiter auszubauen. Da diese enge Verzahnung nicht an allen Standorten selbstverständlich ist, war es mir ein zentrales Anliegen, diese Erfahrungen auch in meiner neuen Funktion in Düsseldorf weiterzutragen. Gerade in einem dynamischen Fach wie der Onkologie bin ich überzeugt, dass eine unmittelbare Einbindung in die Entwicklung wissenschaftlicher Erkenntnisse die Patient*innenversorgung entscheidend verbessert. Voraussetzung dafür ist, klinische Probleme früh zu erkennen, sie wissenschaftlich zu adressieren und die gewonnenen Erkenntnisse wieder in den klinischen Alltag zurückzuführen.
Lange waren Operation, Strahlen- und Chemotherapie die hauptsächlichen Behandlungsoptionen bei Krebserkrankungen. Wie hat sich die Therapielandschaft verändert und was sind ihrer Meinung nach die größten Therapierevolutionen der vergangenen Jahre?
Strahlen- und Chemotherapie sind bei vielen Tumorerkrankungen nach wie vor zentrale Säulen der Behandlung. Beide Therapieformen zielen im Kern auf denselben biologischen Mechanismus ab: Sie schädigen bevorzugt schnell teilende Krebszellen, indem sie DNA-Schäden induzieren, die letztlich zum programmierten Zelltod führen. Über viele Jahre hinweg stellte dies den therapeutischen Standard dar. Allerdings zeigt sich nicht selten, dass Tumoren bereits primär oder im Verlauf eine Refraktärität gegenüber Chemotherapie oder Strahlentherapie entwickeln. Häufig besteht dabei auch eine Kreuzresistenz, da ähnliche biologische Mechanismen in den Tumorzellen betroffen sind. Vor diesem Hintergrund ist die Entwicklung alternativer Therapieansätze ein großer Fortschritt. Zielgerichtete Therapien ermöglichen es, individuelle molekulare Schwachstellen eines Tumors gezielt anzugreifen. Ergänzend hat die Immuntherapie einen Paradigmenwechsel eingeleitet, indem sie das körpereigene Immunsystem befähigt, Tumorzellen effektiv zu erkennen und zu bekämpfen. Dadurch lassen sich bei einem Teil der Patientinnen und Patienten langfristige Remissionen und in Einzelfällen sogar Heilungen erzielen. Zu Beginn meiner onkologischen Tätigkeit vor rund 19 Jahren waren solche therapeutischen Erfolge in dieser Form noch nicht vorstellbar.
Bei der CAR-T-Zelltherapie, einer Immuntherapie, wurden in seltenen Fällen sekundäre Krebserkrankungen beobachtet. Sie haben dazu geforscht. Was waren Ihre Erkenntnisse?
Ein zentrales Thema unserer Forschung ist das Verständnis der Immunantwort auf Tumorerkrankungen. Wir analysieren Immunzellen, die den Tumor infiltrieren, und untersuchen zugleich, mit welchen Mechanismen sich Tumoren der Immunüberwachung entziehen. Auf dieser Grundlage tragen wir aktiv zur Weiterentwicklung von Immuntherapien bei, sowohl im Hinblick auf ihre Wirksamkeit als auch auf das Verständnis und die Vermeidung von Nebenwirkungen. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf der CAR-T-Zelltherapie. Hierbei werden patienteneigene Immunzellen außerhalb des Körpers gentechnisch so verändert, dass sie Tumorzellen gezielt erkennen, bevor sie dem Patienten reinfundiert werden. Diese Therapie kann in Einzelfällen zu sehr tiefen und langanhaltenden Remissionen bis hin zur Heilung führen. In seltenen Fällen wurde jedoch beobachtet, dass sich solche genetisch modifizierten Immunzellen selbst zu Tumoren entwickeln. Wir konnten durch eine aufwändige molekulare Analyse einen Mechanismus aufklären, der erklärt, warum diese Zellen diesen Weg einschlagen, und wie sich dieses Risiko potenziell vermeiden lässt. Dieses Beispiel zeigt eindrücklich die Notwendigkeit kontinuierlicher Forschung auch nach der Einführung neuer Therapien, ein Prozess, den man als Reverse Translation bezeichnet: Erkenntnisse aus dem Labor werden in die Klinik übertragen, klinische Beobachtungen führen zu neuen Fragestellungen, die wiederum im Labor untersucht werden. Aufgrund der zunehmenden Komplexität ist dies nur in interdisziplinären Teams möglich, in denen Ärztinnen und Ärzte eine zentrale Rolle spielen.
Sie haben gerade von Immuntherapien gesprochen. Könnten auch Krebsimpfungen bald zum Standard werden?
Glücklicherweise stehen heute zahlreiche Möglichkeiten zur Verfügung, das Immunsystem gezielt gegen Tumoren zu mobilisieren. Neben der bereits erwähnten CAR-T-Zelltherapie stellen auch therapeutische Impfungen einen vielversprechenden Ansatz dar. Ziel dieser Impfungen ist es, dem Immunsystem charakteristische Bestandteile des Tumors zu präsentieren, sodass es diese erkennt und eine gezielte Immunantwort auslöst. Viele Studien zeigen, dass sich auf diesem Weg robuste Immunreaktionen gegen Tumore erzeugen lassen. Bislang konnte jedoch noch keine Impfstrategie allein eine nachhaltige, langfristige Heilung bewirken. Sehr wahrscheinlich liegt das Potenzial dieser Ansätze in der Kombination mit weiteren immuntherapeutischen Verfahren, um das Immunsystem dauerhaft so zu stärken, dass langfristige Remissionen oder Heilungen möglich werden. An diesen Kombinationsstrategien forschen wir auch aktiv im Labor. Das Immunsystem funktioniert dabei als hochkomplexes Netzwerk verschiedener Zelltypen. Neben der humoralen spielt insbesondere die adaptive Immunantwort eine zentrale Rolle: Spezialisierte Zellen nehmen Tumorbestandteile auf, präsentieren sie an ihrer Oberfläche und aktivieren dadurch weitere Immunzellen. Unterstützt wird dieser Prozess durch zahlreiche assistierende Zelltypen, deren Zusammenspiel entscheidend für die Effektivität der Immunantwort ist. Unser Ansatz zielt darauf ab, diese komplexen Interaktionen systematisch zu verstehen und therapeutisch zu nutzen, um das Immunsystem langfristig und nachhaltig gegen Tumorerkrankungen zu positionieren.
Wenn Sie auf die nächsten 5 bis 10 Jahre blicken: Welche Durchbrüche erhoffen Sie sich am meisten für ihre Patient*innen – sowohl in der Forschung als auch in der klinischen Praxis?
Wir haben in den vergangenen Jahren große Fortschritte erzielt und gezeigt, dass es grundsätzlich möglich ist, das Immunsystem gezielt gegen Tumoren zu richten. Dennoch gelingt es bislang nur in Ausnahmefällen, Patientinnen und Patienten allein durch immuntherapeutische Ansätze zu heilen. Ein zentrales Problem besteht darin, dass Tumoren unter therapeutischem Druck häufig Mechanismen entwickeln, um der Behandlung zu entkommen und Resistenzen auszubilden. Diese Anpassungsprozesse lassen sich möglicherweise verhindern oder zumindest verzögern, indem von Beginn an mehrere therapeutische Ansätze kombiniert werden, um tiefere und nachhaltigere Remissionen zu erzielen. Für dieses Konzept gibt es bereits überzeugende Hinweise aus verschiedenen Bereichen der Onkologie. Ein vergleichbarer Durchbruch wurde auch in der Infektionsmedizin erzielt: Der nachhaltige Erfolg in der Behandlung von HIV wurde erst durch die Kombination mehrerer Wirkmechanismen möglich. Analog dazu ist es ein zentrales Ziel unserer Forschung, künftig komplexe immunologische Netzwerke aus verschiedenen Immunzelltypen gezielt zu rekonstruieren und therapeutisch zu nutzen, um langfristig Heilungen bei einer größeren Zahl von Krebspatientinnen und -patienten zu ermöglichen.