Zusammen, gezielt, geschlechtersensibel

Einblicke in die moderne Onkologie – im Interview: Nachwuchswissenschaftlerin Dr. Kathrin Heinrich, München

Frau Dr. Heinrich, Sie sind sowohl klinisch als auch wissenschaftlich in der Onkologie tätig – was fasziniert Sie besonders an diesem interdisziplinären Feld?

Die Teamarbeit. Wir arbeiten nicht allein, sondern betreuen Patient*innen gemeinsam mit Kolleg*innen aus Radiologie, Strahlentherapie, Chirurgie, Pathologie und mehr. Besonders ist auch die langfristige Begleitung und dass die Wünsche der Patient*innen zunehmend in die Therapieentscheidung einfließen.

Ihre Schwerpunkte liegen unter anderem in der gastrointestinalen Onkologie und der Präzisionsmedizin – Sie leiten stellvertretend das Präzisionsonkologie-Programm am CCC München LMU. Wo sehen Sie aktuell die größten wissenschaftlichen Entwicklungen?

Die Systemtherapien haben sich enorm weiterentwickelt. Beispielsweise haben Immuntherapien und zielgerichtete Substanzen in den letzten Jahren breiten Einzug in die verschiedensten Therapieindikationen gehalten. Präzisionsmedizin geht aber noch darüber hinaus. Strahlentherapie wird viel präziser angewendet, und chirurgische Verfahren kommen für mehr Patient*innen in Frage. Beispielsweise waren unsere Optionen beim lebermetastasierten Kolonkarzinom vor 20 Jahren sehr begrenzt. Mittlerweile erreichen wir mit der richtigen Abstimmung von Systemtherapie, Strahlentherapie, interventionelle Radiologie und Chirurgie viel bessere Ergebnisse. Es geht also zum einen um die Substanzen – aber auch um das Verständnis, wie wir mittlerweile Onkologie betreiben.

Ein weiterer Fokus Ihrer Arbeit liegt auf der geschlechtersensiblen Onkologie. Welche Erkenntnisse fließen hier bereits in die Praxis ein – und wo sehen Sie noch Forschungsbedarf?

Das Bewusstsein wächst, aber in der Praxis ist noch wenig angekommen. Wir sind jetzt an dem Punkt, an dem wir Hypothesen aufstellen und diese überprüfen müssen. In der gastrointestinalen Onkologie sehe ich, dass Frauen häufiger Nebenwirkungen haben – und reagiere dann zum Beispiel mit früherer antiemetischer Therapie. So etwas ist aber noch nicht in der Breite angekommen. Und wir brauchen mehr Evidenz und müssen das Geschlecht als relevante Kategorie stärker einbeziehen.

Das Motto des Deutschen Krebskongresses lautet in diesem Jahr „zusammen – gezielt – zukunftsfähig“. Was bedeutet dieses Motto für Ihre tägliche Arbeit?

„Zusammen“ steht für Interdisziplinarität und Interprofessionalität – beides essenziell, Onkologie geht nicht allein. „Gezielt“? Wir werden immer präziser. Wir betrachten immer kleinere Subgruppen, aus meiner Sicht wäre auch das Geschlecht dabei mehr zu berücksichtigen. Und „zukunftsfähig“: Das ist ein ganz wichtiges Thema. Das Gesundheitssystem wandelt sich, wir haben zunehmend Nachwuchsprobleme, die Arbeit verdichtet sich. Und es gilt auch in dem Sinne, dass wir nachhaltiger sein wollen. Krankenhäuser brauchen viel Energie, es fällt viel Müll an. Da gibt es auf verschieden Ebenen viel zu tun.

Sie engagieren sich stark für die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses und in der Frauenförderung. Was motiviert Sie persönlich zu diesem Engagement?

Ich weiß, wie wichtig es ist, motivierte Leute zu sehen, und ich möchte junge Kolleg*innen für die Onkologie begeistern. Gleichzeitig muss sich im System etwas ändern. Der Druck auf das Gesundheitssystem steigt. Ich möchte dem Nachwuchs eine Stimme geben, die gehört wird. Es wäre gut, wenn es im akademischen und klinischen Bereich egal wäre, ob man eine Frau oder ein Mann ist. An dem Punkt sind wir aber noch nicht. In der deutschen Onkologie gibt es glücklicherweise viele erfolgreiche Frauen, die zeigen, was möglich ist. Darüber hinaus müssen aber strukturelle Barrieren adressiert und abgebaut werden.

Welche Strukturen oder Unterstützungsangebote sind Ihrer Meinung nach besonders hilfreich, um junge Onkolog*innen für wissenschaftliches Arbeiten zu begeistern?
Geschützte Zeiten für das wissenschaftliche Arbeiten sind zentral. Clinical-Scientist-Programme oder die Studienakademie der Arbeitsgemeinschaft Internistische Onkologie in der Deutschen Krebsgesellschaft – kurz AIO – bieten solche Räume, es muss sie aber generell mehr geben. Wichtig sind auch Mentor*innen. Das ist auch der Auftrag von Gruppen wie der AIO oder der Deutschen Krebsgesellschaft insgesamt: Nachwuchsprogramme, die die Leute auch abholen. In der Nachwuchsgruppe der AIO beispielsweise fördern wir junge Kolleg*innen, unter anderem durch die Unterstützung eigener klinischer Studien oder durch gezieltes Mentoring. Und es muss ein System geschaffen werden, in dem die Leute nicht verbrennen. Da geht es um die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. Diese strukturellen Probleme sind aber eher ein Thema für Berufsverbände.

Wie wichtig sind Vernetzung und interdisziplinärer Austausch – besonders für Nachwuchswissenschaftler*innen?

Extrem wichtig. Und sei es nur, um zu sehen, dass andere mit ähnlichen Problemen kämpfen. Und um gemeinsame Projekte zu entwickeln, Menschen mit ähnlichen Forschungsschwerpunkten zu treffen. Aber auch schon die angesprochene Teamarbeit in der klinischen Versorgung. Ganz wichtig dabei: Es gibt genug Arbeit für alle, und Teamarbeit bringt uns weiter. Vernetzung innerhalb eines Standortes, über den Standort hinaus und auch über Fachrichtungen hinaus ist sehr bereichernd. Es bringt neue Blickwinkel. Also: Vernetzen, vernetzen, vernetzen!

Was erwarten Sie sich vom diesjährigen Deutschen Krebskongress – fachlich, aber auch persönlich?

Fachlich freue ich mich auf den interdisziplinären Austausch und aktuelle Einblicke zu vielen Tumorentitäten. Da ist der DKK einzigartig in seiner Breite und Vielfalt. Persönlich freue ich mich auf den Austausch mit Kolleg*innen aus der ganzen Republik. Wir werden versuchen, viele junge Menschen zum DKK zu bringen und die Begeisterung weiterzugeben.

Warum sollten junge Onkolog*innen und Forscher*innen unbedingt am DKK teilnehmen?

Der Kongress ist in der Vielfältigkeit seiner Interdisziplinarität einzigartig. Es gibt kaum einen deutschen Kongress, auf dem so viele verschiedene Fachdisziplinen vertreten sind. Außerdem ist der direkte Austausch mit führenden Expert*innen möglich. Wir haben auch ein eigenes Nachwuchsprogramm für Studierende und für junge Ärzt*innen vorbereitet – mit der Idee, zu begeistern, fortzubilden und zu vernetzen. Und mit den Best-of-Abstract-Vorträgen können auch Nachwuchswissenschaftler*innen auf dem Kongress gut an Sichtbarkeit gewinnen und in den Austausch kommen. Deswegen lohnt es sich, nach Berlin zum Krebskongress zu kommen.

Und abschließend: Welche Botschaft möchten Sie jungen Kolleg*innen mit auf den Weg geben, die sich für eine wissenschaftliche Karriere in der Onkologie interessieren?

Nicht unterkriegen lassen! Auch wenn es mal zäh ist: Die Onkologie bietet spannende Möglichkeiten – klinisch wie wissenschaftlich. Und, das sage ich immer in den Nachwuchssitzungen: Onkolog*innen sind nette Leute. Es gibt viel Unterstützung, Teamgeist und tolle Menschen. Es lohnt sich, den Weg weiterzugehen – auch wenn es Arbeit bedeutet.

Zur Person

Dr. Kathrin Heinrich ist Ärztin in Weiterbildung am LMU Klinikum München und wissenschaftliche Mitarbeiterin der Arbeitsgruppe Onkologie. Sie leitet stellvertretend das Präzisions­onkologie-Programm am CCC München LMU. Ihr wissenschaftlicher Fokus ist neben der gastrointestinalen Onkologie und der Präzisions­onkologie die geschlechtersensible Onkologie. Im Interview berichtet Dr. Heinrich, warum Teamarbeit in der Onkologie unverzichtbar ist und weshalb geschlechtersensible Forschung und Nachwuchsförderung zentrale Bausteine für die Zukunft des Fachs sind.